Rosa Stern, geboren 1870, gestorben 1943

Rosa Stern, geb. Gumpel, geb. 17.6.1870 in Hamburg, deportiert nach Theresienstadt am 15.7.1942, dort gestorben am 9.1.1943

Rosa Stern, geb. Gumpel, war das drittgeborene Kind der Julie (genannt „Fanny“), geb. Beer (geb. 31.8.1845 in Hamburg) und des jüdischen Schlachters und Geflügelhändlers Gottschalk Abraham Gumpel. Gottschalk Abraham Gumpel war am 17.9.1838 als fünftes von sieben Kindern des jüdischen Schlachters und späteren Ältesten der Jüdischen Gemeinde, Abraham Isaac Gumpel (gest. 1858 in Lübeck-Moisling) und der Jette/ Gitel, geb. Gumpel (gest. 1844 in Lübeck-Moisling) in Lübeck-Moisling geboren worden. Am 23.10.1865 hatte Gottschalk Abraham Gumpel die lübeckische Staatsbürgerschaft erlangt. Er arbeitete zu der Zeit als Copiist (= alte Berufsbezeichnung für einen Abschreiber von Schriftstücken) der Stadt Lübeck.
Am 3.12.1865, also nur zwei Monate später, hatte er in Hamburg die Tochter des recht wohlhabenden jüdischen Schlachters und Geflügelhändlers Beer Mendel Beer und der Bertha, geb. Marcus, geheiratet. Zum Zeitpunkt der Heirat mit Julie „Fanny“ Beer war Gottschalk Abraham Gumpel laut Heiratseintrag bereits in Hamburg in der Schlachterstrasse 22 gemeldet. Die Hochzeit war am 25.11.1865 in den Hamburger Nachrichten angezeigt worden. Als seine Berufsbezeichnung wird im Heiratseintrag der Jüdischen Gemeinde „Taback und Cigarrenhändler“ angegeben. Julie Beer wohnte damals bei ihren Eltern in der Peterstrasse 5 in Hamburg. Dieses Haus war Eigentum von Beer Mendel Beer und dessen Onkel und Schwiegervater Isaac Marcus.

Zwischen 1866 und 1873 wurden in dieser Ehe sechs Kinder geboren, wovon das erste bald nach der Geburt starb: Jette (1866), Adolph (1867), Olga (1868), Rosa (1870), Betty (1871), Siegfried (1873). (Für die Kinder Rosa, Betty und Siegfried, der 1904 den Nachnamen seines Stiefvaters Schmay Liebreich angenommen hatte, wurden Stolpersteine verlegt, siehe http://www.stolpersteine-hamburg.de). Über das Schicksal von Sohn Adolph ist wenig bekannt, angeblich konnte er vor den Nationalsozialisten nach Ecuador flüchten. Olga heiratete einen der Gebrüder Wolf, Leopold Wolf, und starb am 14.3.1941 in Hamburg.

Vor 1871 hatte sich Gottschalk Abraham Gumpel, der sich Gustav nannte, kurzzeitig aus Hamburg abgemeldet, es findet sich eine Wiederanmeldung mit Datum 2.5.1871. Wo er sich aufgehalten hatte, und zu welchem Zweck, lässt sich bisher nicht feststellen. Alle Kinder sind jedenfalls in Hamburg geboren worden.

Am 19.5.1879 verstarb Gottschalk Abraham Gumpel im Israelitischen Krankenhaus in Hamburg. Sein Tod wurde von seinem Schwiegervater Beer Mendel Beer angezeigt, der selbst weiterhin im Haus Peterstrasse 5 lebte, während der Verstorbene nebst Ehefrau und Kindern im Nachbarhaus Peterstrasse 7 zur Miete den gesamten 1. Stock bewohnte. Erst als Rosas Großvater Beer Mendel Beer 1893 starb, wurde das Haus Peterstrasse 5 verkauft und die Großfamilie verteilte sich auf mehrere Wohnungen, vor allem am Grindel.

Julie „Fanny“ Gumpel war nun 34 Jahre alt und hatte fünf unmündige Kinder zu versorgen. Nach dem Trauerjahr heiratete sie am 15.11.1880 den aus Weigenheim stammenden, zehn Jahre jüngeren Schlachtergesellen ihres Geflügelhandels, Schmay Liebreich, geb. 2.12.1855. Aus dieser Ehe gingen zwei weitere Kinder hervor, Mary, geb. 26.3.1882, und Ely Liebreich, geb. 17.5.1884. (Auch für sie wurden Stolpersteine verlegt.)

Zu Rosas Kindheit und Jugend gibt es keine Überlieferungen. Das Tafellied ihres Bruders Siegfried zur Silberhochzeit ihrer Mutter und ihres Stiefvaters im Jahre 1905 enthält einen Hinweis, dass sie modisch interessiert war, und tatsächlich erlernte sie den Beruf der Schneiderin, den sie bis zur Erwerbsunfähigkeit 1935 ausübte. Im Tafellied heiß es wörtlich:

„Als Putzmamsel sahn wir in früheren Jahren
Die Rosa, denn sie war Chick und Plic
nur, wenns zu Hause hiess, sie soll bezahlen,
So konnte sie es fast so gut wie nie.
Doch später wanderte sie nach Hannover,
Wo ihre Kunst wurd besser noch bezahlt.
Da ist sie denn bis heute auch geblieben,
weil dort ein schöner „Stern“ ihr strahlt.“

Der „schöne Stern“, der ihr in Hannover strahlte, hieß Moritz Stern, geb. 3.9.1862 in Elze bei Hannover, ein Handlungsreisender. Er war der Sohn des David Stern, Lohgerber in Elze bei Hannover (gest. 1889) und der Johanne, geb. Jacobson, gestorben 1908. David Stern, Sohn des Kaufmanns Marcus Stern, stammte aus dem Nachbarort Mehle, wo am 6.6.1855 auch die Hochzeit stattgefunden hatte. Die Lohgerberei wurde später von Moritz‘ Bruder Siegfried in Elze weitergeführt. Zu der Familie gehörte ein breites Netzwerk im Bereich der Verarbeitung von koscheren Tierprodukten, neben Gerberei auch Schuhmacher und Schlachter. Fritz David Stern (1899), Schuhmacher und Neffe des Moritz Stern heiratete Paula Isaac/ Wolf (1901), Nichte der Rosa Stern, geb. Gumpel. Fritz David, Paula und ihr Sohn Leopold (1928) Stern wurden nach Flucht in die Niederlande gemeinsam über Westerbork in das KZ Sobibor deportiert und dort am 30.4.1943 ermordet.

Rosa Gumpel und Moritz Stern heirateten um 1899 in Hannover. Ob Rosa schon vorher nach Hannover gezogen war oder erst zur Eheschließung, bedarf noch weiterer Forschung. Aus dieser Ehe gingen die Kinder Hans Stern, geb. 8.7.1900 in Hannover, und Magarete, genannt „Greta“, geb. 12.6.1902 in Hannover, hervor. Die Familie zog häufig um und lebte an mindestens drei verschiedenen Adressen in der Gretchenstrasse in Hannover.

Am 20.7.1907 verstarb Moritz Stern in Hannover und Rosa Stern, geb. Gumpel, kehrte bald mit ihren Kindern nach Hamburg zurück. Es war ein schweres Jahr für sie, denn kurz vorher, am 18.4.1907 war auch ihre Mutter Julie „Fanny“ Liebreich, verw. Gumpel, geb. Beer, gestorben. Der jüdische Fleischhandel lief nach Aufhebung der Privilegien für koschere Schlachterbuden und somit sprunghafter Vergrößerung des Angebots schon seit Jahren nicht mehr gut und war wohl um 1898 bereits aufgegeben worden, also spätestens zum Zeitpunkt von Rosas Umzug nach Hannover. Die Eltern lebten in kleinen Etagenwohnungen am Großneumarkt, Alter Steinweg, Wexstrasse und Grindelhof 69, wo ihre Mutter verstarb.

Das Hamburger Adressbuch von 1909 listete sie als „Witwe Rosa Stern“ in der Grindelallee 55 mit der Berufsbezeichnung „Partiewaren“ (= Sonderposten). Ein Gewerbeschein lässt sich jedoch nicht finden und schon 1910 war sie als „Schneiderin“ im Grindelhof 81 gemeldet. Ihr verwitweter Stiefvater Schmay Liebreich wohnte mit den beiden jüngsten Kindern Mary (1882) und Ely (1884) Liebreich in den Terrassenhäusern gleich nebenan, nämlich im Grindelhof 83. Wir können davon ausgehen, dass es einen intensiven Kontakt zwischen diesen beiden Teilen der Familie gegeben hat. Ebenfalls im Grindelhof 81 gemeldet war Jeanette Ascher, geb. Israel (geb. 23.11.1857 in Altona), mit der Rosa Stern später 15 Jahre in einer gemeinsamen Wohnung lebte.

Rosa Stern bezeichnete Jeanette Ascher auf einem Dokument, das sich in ihrer Wiedergutmachungsakte findet, als „Großtante“. Tatsächlich wurde Jeanette Ascher sogar die Schwiegermutter von Rosas Tochter Greta, als diese am 31.7.1926 Jeanettes Sohn Alfons David Ascher (geb. 10.7.1888 in Hamburg, gest. 15.12.1942 im KZ Auschwitz) heiratete. Die Verbindung hielt allerdings nur 3 Jahre und wurde am 2.8.1929 geschieden. Diese Ehe, wie auch die nachfolgenden drei Ehen der Greta, geb. Stern, blieb kinderlos.
Inzwischen fast 41jährig, brachte sie am 13.5.1911 den unehelichen Sohn Richard Fred Stern bei einer christlichen Hebamme in Altona zur Welt. Mit dem nur 25jährigen Erzeuger, Richard Hermann Otto Wegner, geb. 23.4.1886 ging sie wohl keine längere Beziehung ein, auch erkannte er die Vaterschaft nie offiziell an. Er zahlte allerdings vierzehn Jahre lang Alimente für den Jungen, der nur mit dem zweiten Vornamen „Fred“ gerufen wurde.
Bis 1916 lebten Rosa Stern und ihre Kinder mit Jeannette Ascher gemeinsam im Grindelhof 81, zu Beginn wohl in beieinanderliegenden Wohnungen (siehe Adressbücher). Am 11.6.1915 meldete sich Rosa bei der Jüdischen Gemeinde an. Zunächst wurden nur die ehelichen Kinder Hans und Greta auf der Kultussteuerkarte eingetragen, Sohn Fred erst später. Das mag daran liegen, dass Fred (angeblich?) evangelisch getauft war. Die Taufe lässt sich weder in Hamburg, noch im näheren Umkreis belegen, findet sich jedoch in seiner Sterbeurkunde vermerkt.

Seit 1917 waren Rosa Stern und ihre drei Kinder im Schlüterweg 6 gemeldet, eine kleine Terrassenwohnung, von der sie ein Zimmer an Jeanette Ascher bis zu deren Tod am 14.11.1925 untervermietete. Im Mai 1920 zog der inzwischen erwachsene Sohn Hans Stern zunächst nach Bergedorf, dann nach Köln. Später kehrte er jedoch nach Hamburg zurück. 1925 konnte der 14jährige Sohn Fred Stern als Freischüler in die Anton-Ree-Realschule, eine Stiftungsschule der Jüdischen Gemeinde am Zeughausmarkt, eintreten. Sein Erzeuger R.H.O. Wegner leistete einen Offenbarungseid und stellte die Zahlung der Alimente ein.

Rosa Stern arbeitete weiter als selbständige Schneiderin. Aber im Jahre 1931 geriet sie in große Mietrückstände und wurde aus der Wohnung am Schlüterweg 6 „ausgesetzt“. Für ein halbes Jahr kam sie am 1.10.1931 zunächst bei ihrer verwitweten Schwester Olga Wolf und deren Kindern in der Schäferkampsallee 88 unter. Diese hatte (siehe oben) am 12.11.1891 Leopold Wolf, einen der Musiker-Gebrüder Wolf geheiratet, der am 16.5.1926 in Hamburg verstorben war. Am 20.4.1932 zog Rosa Stern zu ihrer Schwester Betty Worms in die Wilhelminenstrasse 63 (heute Hein Hoyer-Strasse) und nur ein weiteres halbes Jahr später, am 5.10.1932, zu Bekannten, der Familie Henschel, in die Isestrasse 32 im 3. Stock.

Alle Kinder hatten inzwischen eigene Wohnungen oder Zimmer gemietet. Rosa Stern war nun schon 61 Jahre alt und litt zunehmend unter gesundheitlichen Problemen mit dem Rücken, den Zähnen, Augen und auch dem Magen, weshalb sie schlecht essen konnte und laut einem Arztbericht erheblich untergewichtig war. Aus diesem Arztbericht über Kuren in 1924 (Harz) und 1927/1928 wissen wir außerdem, dass sie mittelgroß war und grüne Augen hatte. Der Arzt Dr. Mars empfahl schon 1928, aufgrund des Untergewichts und der allgemeinen Erschöpfung einen 4-wöchigen Kuraufenthalt im Heim der Sidonie Werner in Segeberg.

Im Alter von 65 Jahren galt Rosa Stern ab 1935 aus gesundheitlichen Gründen als erwerbsunfähig. Am 27.4.1936 bezog sie bei ihrem jüngsten Bruder Ely Liebreich und dessen Familie in der Klosterallee 100 ein gediegen möbliertes Zimmer gegen Mietzahlung bei Selbstversorgung. Die Tochter Greta heiratete am 16.12.1937 nach Siegelsbach bei Mannheim und wanderte mit ihrem Ehemann, dem Witwer Julius Grötzinger und dessen drei Kindern 1938 in die USA aus (dort verstarb sie nach zwei weiteren Ehen am 23.11.2003 im Alter von 103 Jahren in Aventura/Florida).


Als Bruder Ely Liebreich in der Hoffnung, sich der NS-Verfolgung zu entziehen, aus Hamburg fortzog, konnte Rosa Stern Anfang 1941 mit ihrer Schwester Betty Worms im Warburg-Stift in der Bundesstraße 43, das inzwischen zum „Judenhaus“ erklärt worden war, die 2-Raum-Wohnung Nr. 22 beziehen. Betty Worm hatte dort zuvor bereits im Einzelzimmer Nr. 6b gelebt. Etwa zur Zeit von Rosa Sterns Einzug verstarb ihre Schwester Olga an Magenkrebs, sie hatte seit dem 14.3.1940 ebenfalls dort im Seitenflügel, in der Nr. 19, gewohnt.

Ab dem 19.9.1941 musste Rosa Stern – wie alle erwachsenen Jüdinnen und Juden – den Judenstern tragen.

Von den Stolperstein-Seiten Hamburg übernommen, Autorin ist Carmen Fernandez

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